Astrodrama

Merkurmeditation

Diese Meditation versuchst du am besten erst einmal sitzend an einem ruhigen, geschützten Ort. Mit fortschreitender Praxis kannst du deinen Merkur aber auch im Zug, in der Warteschlange oder beim Spaziergang ins Feld schicken.
Setz dich in eine bequeme, aber aufrechte Haltung. Schließ die Augen, laß die Gesichtsmuskeln, Schultern, Arme etc. sich allmählich entspannen. Dein Atem fließt in seinem natürlichen Rhythmus.
Laß deine Aufmerksamkeit dem Luftstrom durch die Nase bis in die Lungenflügel folgen. (Zur Erinnerung: die Lunge ist das Merkur- Organ im Körper). Spüre, welche Muskeln sich beim Ein- und Ausatmen bewegen… Welche Körperzonen werden durch den Atemvorgang berührt?… Wo im Brustkörper stößt der Atemfluß an seine Ausdehnungsgrenzen?… Durch welches Nasenloch atmest du gerade?… Spürst du den Temperaturunterschied zwischen ein- und ausfließendem Atem?
Bleib mit deiner vollen Aufmerksamkeit beim Atemfluß. Laß kein Ein- und Ausatmen unbemerkt an die vorbeifließen. Wenn Gedanken aufsteigen, laß sie — ganz wie Wolken im Wind — vorbeiziehen… Gib ihnen keine Beachtung.
Jeder Atemzug gibt dir so mehr Wachsamkeit und Klarheit und schärft deine Wahrnehmungsfähigkeit.
Versuche 5-10 Minuten kontinuierlich “am Ball” zu bleiben… Sobald du gewahr wirst, daß du denkst, bringe dich wieder zur Atmung zurück. Hat der Geist erst einmal genügend Sammlung durch diese grundlegende Samadhi- (Shamata- ) Übung gewonnen, ist er bereit, in die eigentliche Merkur- Meditation einzutauchen. Hierbei bleibt der Atem auch weiterhin die Stütze, der Hafen deines Bewußtseins. Du gibst jetzt deiner Wahrnehmung ein zusätzliches Erfahrungsfeld: das Ohr, die Welt der Töne und Geräusche.
Versuche, das was du hörst, nicht einzuordnen oder zu bewerten. Versuche die Unterhaltung in der Ferne, das Summen einer Fliege, die Sirene auf der Straße, den Wutanfall aus der Nachbarwohnung stehenzulassen, ohne dich innerlich einzumischen, ohne darauf zu reagieren. Nimm wahr, wie stark der Drang ist, zu wissen, was “da draußen” vor sich geht, wie schnell du klassifizierst und Schubladen ziehst…, wie gewisse Töne nicht nur gedankliche, sondern auch gefühlsmäßige und körperliche Reaktionen auslösen.
Nachdem der Atemvorgang und das Hören bislang “Stoff” deine Wahrnehmung waren, öffnest du dir (bzw. deinem Merkur) eine weitere Tummelwiese: das Denken. (In Asien werden der Geist und seine Sinnesobjekte, die Gedanken als sechstes Sinnentor betrachtet.) Hierbei kommt es nicht darauf an, sich mit dem Inhalt der Gedanken zu befassen, sondern den Prozeß des Entstehens und Vergehens von Gedanken zu beobachten. Dies geschieht mit der Einstellung, daß kein Gedanke, wie wichtig und interessant er sich auch präsentieren mag, jetzt weitergedacht werden muß.
Neben der Atmung und den Geräuschen nimmst du also wahr, wie immer wieder Gedanken entstehen und versuchen, dein Bewußtsein in ihren Bann zu ziehen. Versuche, auch dies geschehen zu lassen, ohne auf sie einzugehen.
Beobachte, wie stark der Drang zum NACHdenken ist, wieviel Mühe du hast, nur loszulassen und nichts zu tun.
Mach die nichts draus, wenn dir dies nur schlecht oder gar nicht gelingt. Sogar erfahrene Praktizierende verlieren des öfteren den Faden und bemerken erst nach einer Weile, daß sie in einem inneren Film oder in eine Gedankenkette verwickelt sind. In diesem Fall und besonders auch bei hyperaktiven Geistesphasen konzentriere dich wieder ganz auf die Atmung. Spüre den Atemfluß für einige Minuten ausschließlich nur an einer Körperzone, und öffne dich erst später wieder für Gedanken und Geräusche.
In der letzten Phase deiner Achtsamkeitsübung läßt du deiner Wahrnehmung freien Lauf. Dies beinhaltet alle 6 Sinne — also auch Körperempfindungen, Gefühle, Geruch Geschmack und die (da die Augen geschlossen sind) beschränkten visuellen Reize.
Deine Aufgabe besteht “nur” darin, deinem Bewußtsein unermüdlich dabei zu folgen, wie es von Sinnestor zu Sinnestor springt. Mit fortschreitender Praxis wird dir bewußt, wie rasend schnell dieser Prozeß der Wahrnehmung vor sich geht und wie hilflos wir im Alltag diesem ewigen Wechsel von Gedankenketten uns Sinneseindrücken ausgesetzt sind. Weder können wir uns vor dem WAHRnehmen unangenehmer Dinge schützen, noch können wir das WAHRnehmen angenehmer Dinge sicherstellen. Das Festhalten an unseren eigenen Wertungen, die Fixierung auf bzw. Vermeidung von bestimmten Erfahrungen, die das Leben mit sich bringt, müssen folglich unweigerlich zu Fustration und Schmerz führen.
Doch WER ist das, der da denkt, sieht, fühlt, hört?
Merkur ist nur der Mittelsmann, ein quasi “harmloser Beamter” im Dienste tiefliegender Wesensanteile. Merkurs Schlüsselwort ist INTERESSE (von lat. Dazwischen sein). Genaugenommen, stellt sich die Aufmerksamkeit zwischen ein Sinnesorgan und das, was von draußen an das Sinnestor herantritt.
Doch wer bestimmt, was mein Interesse verdient?
Es sind einzig und allein meine, auf vergangene Erfahrungen aufbauende Gewohnheiten, was mich anzieht und abstößt, mein ausgereiftes Karma, das den Merkur dazu benutzt, die geliebten bzw. verhaßten Sinnesobjekte wahrzunehmen oder abzuwehren.
Jeden Augenblick registriert mein Unterbewußtsein eine Vielzahl von verschiedenen Sinneseindrücken, jedoch nur die Sinnenreize, die in mir eine — und sei es noch so kleine — Reaktion hervorrufen, haben überhaupt eine Chance, von mir bemerkt zu werden.
In jedem von uns sind Wahrnehmung, Wiedererkennen und Bewerten untrennbar miteinander verbunden. Das Wiederkehren ist seinerseits unmittelbar mit einem (Körper)- Gefühle verbunden. Diese Gefühl ist unser inneres subjektives Erleben der Welt. Im Buddhismus /Yoga nennt man dies das “Ernten von Karma”. Gefühle, meist vom Bewußtsein nicht einmal eindeutig registriert — erzeugen Reaktionen und erneutes geistiges, körperliches und verbales Handeln — das Säen von neuen Karma-Samen — die erneutes Ernten der Früchte — Gefühle, Empfindungen — zur Folge haben. So verselbständigt sich der Kreislauf von Ursache und Wirkung.
Der bewertende Teil des Geistes hat also die Funktion von buntgefärbten Brillengläsern, durch die wir die Welt erblicken: wir sehen die Dinge im Licht unserer persönlichen Programmierung. Je stärker das “geweckte Karma”, die ausgelöste Konditionierung, desto stärker ist Merkurs Aufmerksamkeit. Es sind also unsere Konditionierungen, die über unseren Merkur die Sinnestore “melken”. Erst wenn Wertung und Programmierung verschwunden sind, ist unverfälschte Wahrnehmung möglich.
Doch wer bleibt dann noch über, der hört, sieht und spürt?
Im Gehörten ist nur ein Ton
Im Gesehenen nur Form und Farbe
Im Gedachten nur Gedanken.
Alles ist gut, so wie es ist
Ohne etwas zu verändern, ohne etwas hinzuzufügen.

Dieses wertungslose Wahrnehmen ist Merkurs größtes Geschenk, ist Merkurs Weg zur Erleuchtung und Freiheit.