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von Friedel Roggenbuck
Diese Meditation versuchst du am besten
erst einmal sitzend an einem
ruhigen, geschützten Ort. Mit fortschreitender Praxis kannst du deinen Merkur
aber auch im Zug, in der Warteschlange oder beim Spaziergang ins Feld
schicken.
Setz dich in eine bequeme, aber aufrechte
Haltung. Schließ die Augen, laß die
Gesichtsmuskeln, Schultern, Arme etc. sich allmählich entspannen. Dein Atem
fließt in seinem natürlichen Rhythmus.
Laß deine Aufmerksamkeit dem Luftstrom
durch die Nase bis in die
Lungenflügel folgen. (Zur Erinnerung: die Lunge ist das Merkur- Organ im
Körper). Spüre, welche Muskeln sich beim Ein- und Ausatmen bewegen...
Welche Körperzonen werden durch den Atemvorgang berührt?... Wo im
Brustkörper stößt der Atemfluß an seine Ausdehnungsgrenzen?... Durch
welches Nasenloch atmest du gerade?... Spürst du den
Temperaturunterschied zwischen ein- und ausfließendem Atem?
Bleib mit deiner vollen Aufmerksamkeit
beim Atemfluß. Laß kein Ein- und
Ausatmen unbemerkt an die vorbeifließen. Wenn Gedanken aufsteigen, laß sie
ganz wie Wolken im Wind vorbeiziehen... Gib ihnen keine Beachtung.
Jeder Atemzug gibt dir so mehr Wachsamkeit und Klarheit und schärft deine
Wahrnehmungsfähigkeit.
Versuche 5-10 Minuten kontinuierlich am
Ball zu bleiben... Sobald du gewahr
wirst, daß du denkst, bringe dich wieder zur Atmung zurück. Hat der Geist
erst einmal genügend Sammlung durch diese grundlegende Samadhi-
(Shamata- ) Übung gewonnen, ist er bereit, in die eigentliche Merkur-
Meditation einzutauchen. Hierbei bleibt der Atem auch weiterhin die Stütze,
der Hafen deines Bewußtseins. Du gibst jetzt deiner Wahrnehmung ein
zusätzliches Erfahrungsfeld: das Ohr, die Welt der Töne und Geräusche.
Versuche, das was du hörst, nicht
einzuordnen oder zu bewerten. Versuche
die Unterhaltung in der Ferne, das Summen einer Fliege, die Sirene auf der
Straße, den Wutanfall aus der Nachbarwohnung stehenzulassen, ohne dich
innerlich einzumischen, ohne darauf zu reagieren. Nimm wahr, wie stark der
Drang ist, zu wissen, was da draußen vor sich geht, wie schnell du
klassifizierst und Schubladen ziehst..., wie gewisse Töne nicht nur
gedankliche, sondern auch gefühlsmäßige und körperliche Reaktionen auslösen.
Nachdem der Atemvorgang und das Hören
bislang Stoff deine Wahrnehmung
waren, öffnest du dir (bzw. deinem Merkur) eine weitere Tummelwiese: das
Denken. (In Asien werden der Geist und seine Sinnesobjekte, die Gedanken als
sechstes Sinnentor betrachtet.) Hierbei kommt es nicht darauf an, sich mit
dem Inhalt der Gedanken zu befassen, sondern den Prozeß des Entstehens
und Vergehens von Gedanken zu beobachten. Dies geschieht mit der
Einstellung, daß kein Gedanke, wie wichtig und interessant er sich auch
präsentieren mag, jetzt weitergedacht werden muß.
Neben der Atmung und den Geräuschen
nimmst du also wahr, wie immer
wieder Gedanken entstehen und versuchen, dein Bewußtsein in ihren Bann zu
ziehen. Versuche, auch dies geschehen zu lassen, ohne auf sie einzugehen.
Beobachte, wie stark der Drang zum NACHdenken ist, wieviel Mühe du hast,
nur loszulassen und nichts zu tun.
Mach die nichts draus, wenn dir dies nur
schlecht oder gar nicht gelingt.
Sogar erfahrene Praktizierende verlieren des öfteren den Faden und bemerken
erst nach einer Weile, daß sie in einem inneren Film oder in eine
Gedankenkette verwickelt sind. In diesem Fall und besonders auch bei
hyperaktiven Geistesphasen konzentriere dich wieder ganz auf die Atmung.
Spüre den Atemfluß für einige Minuten ausschließlich nur an einer Körperzone,
und öffne dich erst später wieder für Gedanken und Geräusche.
In der letzten Phase deiner Achtsamkeitsübung läßt du deiner Wahrnehmung
freien Lauf. Dies beinhaltet alle 6 Sinne also auch Körperempfindungen,
Gefühle, Geruch Geschmack und die (da die Augen geschlossen sind)
beschränkten visuellen Reize.
Deine Aufgabe besteht nur darin,
deinem Bewußtsein unermüdlich dabei zu
folgen, wie es von Sinnestor zu Sinnestor springt. Mit fortschreitender Praxis
wird dir bewußt, wie rasend schnell dieser Prozeß der Wahrnehmung vor sich
geht und wie hilflos wir im Alltag diesem ewigen Wechsel von Gedankenketten
uns Sinneseindrücken ausgesetzt sind. Weder können wir uns vor dem
WAHRnehmen unangenehmer Dinge schützen, noch können wir das
WAHRnehmen angenehmer Dinge sicherstellen. Das Festhalten an unseren
eigenen Wertungen, die Fixierung auf bzw. Vermeidung von bestimmten
Erfahrungen, die das Leben mit sich bringt, müssen folglich unweigerlich zu
Fustration und Schmerz führen.
Doch WER ist das, der da denkt, sieht,
fühlt, hört?
Merkur ist nur der Mittelsmann, ein quasi harmloser Beamter im Dienste
tiefliegender Wesensanteile. Merkurs Schlüsselwort ist INTERESSE (von lat.
Dazwischen sein). Genaugenommen, stellt sich die Aufmerksamkeit zwischen
ein Sinnesorgan und das, was von draußen an das Sinnestor herantritt.
Doch wer bestimmt, was mein Interesse verdient?
Es sind einzig und allein meine, auf vergangene Erfahrungen aufbauende
Gewohnheiten, was mich anzieht und abstößt, mein ausgereiftes Karma, das
den Merkur dazu benutzt, die geliebten bzw. verhaßten Sinnesobjekte
wahrzunehmen oder abzuwehren.
Jeden Augenblick registriert mein Unterbewußtsein
eine Vielzahl von
verschiedenen Sinneseindrücken, jedoch nur die Sinnenreize, die in mir eine
und sei es noch so kleine Reaktion hervorrufen, haben überhaupt eine
Chance, von mir bemerkt zu werden.
In jedem von uns sind Wahrnehmung, Wiedererkennen
und Bewerten
untrennbar miteinander verbunden. Das Wiederkehren ist seinerseits
unmittelbar mit einem (Körper)- Gefühle verbunden. Diese Gefühl ist unser
inneres subjektives Erleben der Welt. Im Buddhismus /Yoga nennt man dies
das Ernten von Karma. Gefühle, meist vom Bewußtsein nicht einmal
eindeutig registriert erzeugen Reaktionen und erneutes geistiges,
körperliches und verbales Handeln das Säen von neuen Karma-Samen die
erneutes Ernten der Früchte Gefühle, Empfindungen zur Folge haben. So
verselbständigt sich der Kreislauf von Ursache und Wirkung.
Der bewertende Teil des Geistes hat also
die Funktion von buntgefärbten
Brillengläsern, durch die wir die Welt erblicken: wir sehen die Dinge im Licht
unserer persönlichen Programmierung. Je stärker das geweckte Karma, die
ausgelöste Konditionierung, desto stärker ist Merkurs Aufmerksamkeit. Es sind
also unsere Konditionierungen, die über unseren Merkur die Sinnestore
melken. Erst wenn Wertung und Programmierung verschwunden sind, ist
unverfälschte Wahrnehmung möglich.
Doch wer bleibt dann noch über, der
hört, sieht und spürt?
Im Gehörten ist nur ein Ton
Im Gesehenen nur Form und Farbe
Im Gedachten nur Gedanken.
Alles ist gut, so wie es ist
Ohne etwas zu verändern, ohne etwas hinzuzufügen.
Dieses wertungslose Wahrnehmen ist Merkurs
größtes Geschenk, ist Merkurs
Weg zur Erleuchtung und Freiheit.
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